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Als Pruntrut noch einen Monarchen hatte

Die Jurastadt zelebriert «ihren» Fürstbischof Blarer von Wartensee

Pruntrut feiert diesen Sommer den grossen Fürstbischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee, der das Städtchen im 16. Jahrhundert restauriert und zum Hauptort seines kleinen Kirchenstaats gemacht hat – eine gute Gelegenheit, den Jura-Nordzipfel kennenzulernen.

Neue Zürcher Zeitung; 16. Juli 2008 Seite 17; C. Bi.

Auf der Landeskarte wirkt die Ajoie – der Zipfel von Pruntrut – wie ein Auswuchs des Schweizer Territoriums. Die meisten Eidgenossen befinden sich hier in einer Terra incognita, es sei denn, sie hätten Militärdienst auf dem Waffenplatz Bure geleistet und eingeengt in einem Panzer eine geladene Dosis von Swissness abbekommen. Sonst aber weht hier ein leiser Hauch von gallischer Exotik. Wer mit dem Zug von Delsberg nach Pruntrut fährt und die letzten Jurahöhen hinter sich lässt, fühlt sich fast schon im Burgund. Und der Hauptort Porrentruy – auf Deutsch: Pruntrut – wirkt fast wie eine französische Sous-Préfecture, wie ein französisches Landstädtchen. Was der hübsche Ort zeitweise auch war.

Basler Bischof aus der Ostschweiz
Diesem Ruf, eine «belle au bois dormant», ein schlafendes Dornröschen zu sein, will das Städtchen aber zu Leibe rücken. Der hiesige Stadtführerverein ist deshalb auf die Idee gekommen, diesen Sommer den 400. Todestag des grössten aller Pruntruter Monarchen mit einem Festspiel und einer informativen Ausstellung im Ortsmuseum zu feiern.
Um aber zu verstehen, weshalb ein Ostschweizer, der den Titel «Bischof von Basel» trug, den französischsprachigen Pruntrutern so sehr am Herzen liegt, ist ein Blick zurück in die Vergangenheit unumgänglich. Begonnen hat die Geschichte im Jahr 999. Aus Angst vor der bevorstehenden Jahrtausendwende und dem drohenden Millenniums-«Bug» schenkte Rudolf III., König von Burgund, dem Bischof von Basel damals grössere Ländereien im französischsprachigen Jura. Der Basler Bischof war künftig nicht nur ein geistlicher Herr, sondern auch ein Fürst des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Allerdings waren das Fürstbistum, also das weltliche Herrschaftsgebiet des Bischofs, und die Diözese Basel, sein kirchlicher Sprengel, keineswegs deckungsgleich. Die Diözese reichte bis tief ins Elsass und ins Fricktal hinein, Gebiete, die nicht zum Fürstbistum gehörten. Dieses umfasste im Gegenzug auch Gebiete, die kirchlich nicht dem Bischof von Basel unterstanden. Biel und Sankt Immer gehörten zur Diözese Lausanne, die Gegend von Pruntrut zu jener von Besançon.

Pruntrut wird zur Hauptstadt
Im Jahr 1528/29 wird Basel reformiert. Das Domkapitel zügelt nach Freiburg im Breisgau; der Fürstbischof – er hiess Philipp von Gundelsheim – flüchtet auf seinen Sommersitz in Pruntrut und macht ihn zu seiner Residenz. Die Nähe zur katholischen Freigrafschaft und zu Frankreich mag bei diesem Entscheid eine wichtige Rolle gespielt haben. Doch die Ausbreitung der reformierten Konfession, die vor allem im Südjura auf die Unterstützung Berns zählen kann, vermag er nicht einzudämmen.

Auch sein Nachfolger, Melchior von Lichtenfels, kann wenig ausrichten. Als dieser im Mai 1575 stirbt, hinterlässt er ein dem Zerfall nahes Staatswesen – kein Wunder, dass niemand grosse Lust verspürt, ihm auf dem Thron nachzufolgen. Am Domkapitel, das im Juni des gleichen Jahrs in Delsberg zusammentrifft und den Nachfolger bestimmen soll, sind weniger als die Hälfte der wahlberechtigten Domherren anwesend. Niedergeschlagenheit herrscht, bis der 33-jährige Domherr Jakob Christoph Blarer von Wartensee eine flammende Rede hält, in der er seine Kollegen aufrüttelt. Diese finden, der junge Mann habe so gut gesprochen, dass er das Amt gleich selbst übernehmen könne. Und so wird der junge Blarer zum Bischof gewählt.

Blarer besass zwei Trümpfe: Er war Schweizer, was die mit dem Fürstbischof alliierten katholischen Kantone schätzten, und er war adlig. Er hatte aber auch, neben seinem jungen Alter, einige Handicaps. Blarer stammte aus der fernen Ostschweiz; 1542 war er auf Schloss Rosenberg bei Berneck als Sohn des dortigen Obervogts geboren worden. Er sprach also deutsch, wie allerdings die meisten Fürstbischöfe vor ihm. Zudem hatte er in Pruntrut keine kirchlichen Befugnisse. Und schliesslich war er nicht einmal Priester und musste die Priesterweihe, nachdem er den Segen des Papstes eingeholt hatte, erst im Eilverfahren nachholen.

Jesuiten zu Hilfe geholt
Dessen ungeachtet machte sich der 33-jährige Ostschweizer mit ausserordentlicher Energie daran, das marode Fürstentum aufzumöbeln. Zuerst absolvierte er eine Tournee durch sein Fürstentum, um sich von den erwachsenen Männern den Gehorsamseid schwören zu lassen. Dann stellte er den Pruntruter Stadtrat in den Senkel, der grösstenteils bereits reformiert war und Kultfreiheit verlangte. Um den aufmüpfigen Ratsherren die Flausen auszutreiben, steckte er sie kurzerhand ins Gefängnis, bis sie ihren gnädigen Herrn untertänigst um Vergebung baten. In der Art eines Barockfürsten liess er hierauf das heruntergekommene und durch einen Brand teilweise zerstörte Pruntruter Schloss vom Ulmer Architekten Nikolaus Frick vergrössern und zu einer anständigen Residenz umbauen. Vor allem aber machte er sich daran, dem katholischen Glauben wieder eine Bahn zu schlagen. So gelang es ihm, das deutschsprachige Birseck wieder katholisch zu machen. Auch holte er die Jesuiten ins Land und liess das Jesuitenkollegium erbauen, das bis heute zusammen mit dem Schloss das Pruntruter Wahrzeichen bildet.

Auch wirtschaftlich entwickelte der Fürstbischof viel Initiative. Er förderte den Erzabbau und versuchte, der jurassischen Wellness-Industrie und dem Thermaltourismus auf die Beine zu helfen – dies allerdings ohne Erfolg. Dennoch: Als Blarer 1608 nach 33 Jahren Regierungszeit stirbt, hinterliess er ein straff geführtes, geordnetes und finanziell gesundes Staatswesen, das sich aber faktisch auf den französischsprachigen Nordjura und das deutschsprachige Birseck beschränkte. Die Stadt Basel wie auch der reformierte Südjura und die Stadt Biel waren seiner Macht schon längst entglitten.

Französisch, bernisch, jurassisch
Allerdings konnte auch ein Blarer auf die Länge das Auseinanderbrechen des Fürstentums nicht verhindern. 1792 wurde der nördliche Teil, weil zum Deutschen Reich gehörig, von den französischen Revolutionstruppen besetzt; 1797 war auch der unter die eidgenössische Neutralität fallende Südjura an der Reihe. Der ganze Jura war jetzt Teil Frankreichs. Doch nach dem Fall Napoleons wurde das vakante Gebiet vom Wiener Kongress 1815 grösstenteils dem Kanton Bern zugeschlagen (das Birseck wurde baslerisch). Pruntrut war zu einem bernischen Provinzstädtchen geworden.
Allerdings regten sich im französischsprachigen Jura bald wieder Sezessionstendenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand das Rassemblement jurassien, das den Jura von Boncourt bis La Neuveville von Bern trennen wollte. In den Juraplebisziten 1974 und 1975 erklärte sich der mehrheitlich katholische Nordjura für die Loslösung; der reformierte Südjura blieb bei Bern. Der Jura brach auseinander. 1979 wurde der aus den nördlichen Bezirken Delsberg, Pruntrut und Freiberge bestehende Kanton Jura gegründet, mit dem Basler Bischofsstab im Kantonswappen.

Allerdings brachte der neue Kanton, dessen Hauptstadt die «Rivalin» Delsberg wurde, der früheren Fürstenresidenz Pruntrut die alte Herrlichkeit nicht zurück. Aber das grosse Schloss, auf dessen Mauern stolz der Bischofsstab und der aus dem Blarer-Familienwappen stammende Hahn aufgemalt sind, erinnert nach wie vor an die alten, wenn auch nicht immer guten Zeiten, als hier noch ein Barockfürst herrschte.