Inge Kober-Schwabe verbrachte ihre glückliche Jugend als Tochter eines Landarztes und Naturfreundes im Domherrenhaus an der Domstrasse 3. Die gutherzige badische Hausangestellte Bertha war in ihrem Leben ein unauffälliger Mittelpunkt. Im nachstehenden Abschnitt, der Inge Kobers Kindheitserinnerungen entnommen ist (erschienen als Privatdruck im Verlag ahafliege, 2004 Basel; Seiten 214f.), erinnert sich die Autorin, die in freigeistiger Umgebung gross geworden war, an die Maiandacht im Dom und kirchliche Frühsommerfeste an der Seite ihrer geliebten Bertha.
Im kirchlichen Jahr spielte der Monat Mai mit der "Maiandacht" eine grosse Rolle in Berthas Leben. Jeden Abend nach getaner Arbeit ging sie in den Dom zur Maiandacht. Manchmal durfte ich mitgehen, ich erinnere mich aber nur noch an gewisse Stimmungen an diesen Abenden, die Glyzinien blühten, die Abende waren hell und voller Duft, der Dom geschmückt mit weissen Blüten zu Ehren Marias. Dann sassen oder knieten wir auf den harten, alten, eichenen Kirchenbänken und ich hörte auf das geheimnisvolle Abbeten der Rosenkranzperlen und auf Berthas endloses lateinisches Gemurmel und schaute hinauf zu den Deckengemälden von Appiani, wo merkwürdige Tiere, die aussahen wie Elefanten, Giraffen und Krokodile das Himmelsgewölbe verunsicherten, und wo die Führung des Himmels auf duftigen Wolkenbänken daherschwebte, Maria, die "immaculata, sine labe concepta", von der ich wusste, dass sie Berthas persönlichen Schutz übernehmen sollte. Gerade weil ich weder das Rosenkranzgemurmel noch die Gemälde verstand, waren mir diese Andachten so einprägsam.
Pfingsten war das "liebliche Fest", da der Garten mit den Holzpfingstrosen in voller Blüte stand. Aber das weit interessantere Fest war doch Fronleichnam mit seinen Prozessionen, blumenbestreuten Wegen und bunten, geschmückten Altären und Geräten, mit seinen vielen Heiligen, in ihren Gewändern ein Augenschmaus, suchtbar und erlebbar für ein Kind und es dadurch viel direkter ansprechend als die "Ausgiessung des Heiligen Geistes". Dieser "Heilige Geist" war sowieso ein unverständliches Wesen und noch dazu eine Taube!



