2005 W Dom Langhausfresko Herkules.jpg

Etwas ungewohnt ist sie zunächst, die pittoreske Schilderung des Langhausfreskos durch Karl-Heinz Ott in seinem jüngst erschienenen, von der Kritik begeistert aufgenommenen Roman Endlich Stille,dem der nachstehende Abschnitt entnommen ist. Wer von uns erinnert sich nicht an einen vergleichbaren Schauer beim erstmaligen Betrachten dieser Szenen?

Nach einer mühseligen Wanderung (...) suchten wir vor der sengenden Sonne Zuflucht im ländlichen Arlesheimer Dom. Die Hände gefaltet, als beteten wir im stillen, sassen wir da und starrten zu einer teufelsfratzigen, krallenfingerigen, nackten Herkules-Gestalt hinauf, der die Haare zu Berge stehen und die in ihrer hochgereckten Rechten eine zu Boden gerichtete Fackel hält, deren Flammenreste gerade in einer Rauchkugel ersticken, während das titanische, wüst grinsende, auf einem Felsbrocken wankende Muskelwesen vornüber in die Tiefe zu kippen droht, wobei der Koloss von einer Schlange umrankt wird, die sein Gemächte zu vernichten und ihm gleichzeitig eine übermächtige phallische Kraft zu verleihen scheint. Mir flatterndem Lendentuch spärlich umhüllt gleitet über seinem Haupt eine Putte vorüber, deren Augen mit einer Windel verbunden sind und die in ihrer Linken eine lachende Maske, in ihrer Rechten einen zerbrochenen Bogen hält, während sie auf Maria zuschwebt, die im Mittelpunkt des sonnentrunkenen Freskos auf einer lichten Wolke thront und ins All zu entschweben scheint, das sich über einem Erdenrund erhebt, an dessen Rändern eine splendide Entourage aus Frauen in orientalischen Prachtgewändern, aus Indern, Afrikanern, römischen Legionären mit glänzenden Helmen, Löwen, Krokodilen, Elefanten, Papageien, Palmen, Lilien, Kakteen, Stelen, Tempelstufen und Pyramiden die zeitlos miteinander verbundenen Kontinente in aller Schönheit und Macht so leuchtend verherrlicht, dass wir, die Köpfe in den Nacken zurückgekrümmt, die Münder offen, lange stumm dasassen (...)

Quelle: Karl-Heinz Ott; Endlich Stille. Hoffmann und Campe (2005) Seiten 102-3.